Ungarn sucht den Schulterschluss mit China
19.7.2011 BUDAPEST (owr/gtai)--Während des Besuchs einer
hochrangigen Wirtschaftsdelegation aus China in Ungarn sind fast ein
Dutzend Abmachungen unterzeichnet worden. Ungarn hat sich den
Chinesen ein weiteres Mal als Sprungbrett für den gesamten
europäischen Markt angeboten. Ein ähnliches Angebot hatte die Fidesz-
Regierung zuvor schon Russland gemacht. Ungarn sucht nach Wegen, die
über Jahrzehnte gewachsene enge Verfl echtung der Wirtschaft mit der
EU - und dabei vor allem mit Deutschland - zu lockern. Zuvor hatten
Regierungsvertreter für das Ungarn von heute Vergleiche zwischen den
jetzigen Abhängigkeiten von EU-Gremien in Brüssel mit den alten
Einschränkungen zu Zeiten der Sowjetunion angestellt.
Von der Bank of China und der ungarischen Chemiegruppe Borsod wurde
ein Finanzabkommen über 1,1 Mrd EUR geschlossen. Ferner wurde ein
strategisches Abkommen unterzeichnet, dass sich auf das weitere
Engagement des chinesischen Elektronikanbieters Huawei in Ungarn
bezieht. Neben der Einschaltung von Auftragsherstellern will Huawei
auch seine eigene Endfertigung und Montage in Ungarn hochfahren.
Huawei, der die Mobilfunkgesellschaften in der Region mit
Ausrüstungen unter anderem für Basisstationen und Glasfasernetze
beliefert, will in Ungarn seine regionale Zentrale für ganz Europa
einrichten und von dort aus gut 30 Länder beliefern, wozu auch
Russland gehören soll. Neben Huawei wollen auch der
Laptop-Hersteller Lenovo und ZTE, ein Anbieter von
Telekom-Ausrüstungen und -Endgeräten, ihre Ungarn- Engagements
ausbauen.
Zu den bedeutendsten Entwicklungen in Ungarns Industrie hatte im
ersten Halbjahr die komplette Übernahme von Borsodchem durch Wanhua
Industrial Group gehört. Borsodchem hat - nach Eingang einer
Kapitalspritze durch Wanhua - eine neue TDI-Anlage fertigstellen
können. Die Jahreskapazität ist auf 250 kt TDI, ein Zwischenprodukt
der Kunststoffi ndustrie, gestiegen. Für MDI, ein weiteres Isocyanat,
wird eine Kapazitätserweiterung auf 240 kt Roh-MDI jährlich
vorbereitet. Wanhua will mit seinen Werken in Asien und nunmehr auch
in Ungarn zu den Marktführern aus Westeuropa aufschließen und
rangiert inzwischen weltweit nach eigenen Angaben auf Platz drei.
Die Chinese Development Bank hat einen Rahmenkredit über 1 Mrd EUR
zur Belebung der gegenseitigen Handels- und Investitionsaktivitäten
zugesagt. Das bilaterale Außenhandelsvolumen soll sich bis 2015 auf
dann rund 20 Mrd USD verdoppeln, so das von Ministerpräsident Viktor
Orban formulierte Planziel. Die Direktinvestitionen aus China in
Ungarn summierten sich bis Ende 2009 laut ungarischer Zentralbank
auf einen nicht nennenswerten Betrag. Sie müssen zum Großteil über
Drittländer abgewickelt worden sein. Die chinesische Botschaft in
Budapest gibt den Stand für Ende letzten Jahres mit annähernd 2,5
Mrd USD an.
Von Ungarns Regierung gefördert wird der Bau eines Werks für
Solarzellen und Photovoltaik-Module in Berettyoujfalu für 10 Mio EUR
durch das ungarisch-chinesische Joint Venture Orient Solar. Die
Produkte sollen in Ungarn auf der Basis von Zulieferungen aus China
verkaufsfertig gemacht werden. Ein lokaler Wertschöpfungsanteil von
gut 50% wird angestrebt. Als asiatische Partner werden die Micoe
Solar Energy Co sowie ein Solartechnik-Unternehmen aus Taiwan
genannt. Das Joint Venture hat den Grunderwerb für das Werk in
Ungarn bereits abgeschlossen.
Zunächst sollen nach Angaben von Orient Solar jährlich annähernd
800.000 Solarzellen ausgeliefert werden, deren Leistungsfähigkeit
mit insgesamt 200 MW angegeben wird. Sie sind in erster Linie für
den Export in Ungarns Nachbarländer und auch nach Bulgarien sowie in
andere EULänder der Region vorgesehen.