Der fabelhafte Aufstieg der
Ost-Pleitekandidaten
Sie galten als notorische Krisenländer und haben die Wende
geschafft. Die Euro-Länder können einiges von Ex-Pleitekandidaten
wie Ungarn oder der Ukraine lernen.
Von Martin Kaelble und Hubert
Beyerle, Berlin
Osteuropas einstige Krisenländer sind rund drei Jahre nach ihren
schweren Schuldenproblemen wieder wohlauf. "Lettland, die Ukraine
und Ungarn haben erfolgreich konsolidiert, und ihre Wirtschaften
wachsen nun wieder", sagte Peter Havlik, stellvertretender Direktor
des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche.
"Daraus lassen sich bei allen Unterschieden Lehren für die derzeit
kriselnden Euro-Peripherieländer ziehen."
Nach der Finanzkrise standen im Herbst 2008 eine Reihe von mittel-
und osteuropäischen Staaten kurz vor dem Staatsbankrott. Neben
Serbien und Rumänien waren auch Ungarn, die Ukraine und Lettland
kurzfristig auf Hilfe von aussen angewiesen.
Die Panik der Investoren nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers
hatte zu massiven Kapitalabflüssen aus diesen Ländern geführt,
Ratingagenturen und Anleger misstrauten ihnen. Die Exporte brachen
weg, und Privathaushalte gerieten wegen ihrer hohen Verschuldung in
Fremdwährungen in Schieflage.
Diese erste Welle der Staatsschuldenkrise unterscheidet sich zwar in
wichtigen Punkten von der aktuellen Euro-Krise. So lagen wichtige
Kennziffern wie etwa die Staatsschuldenquote in diesen Ländern
deutlich unter der des Euro-Sorgenkinds Griechenland. Es gab bei
diesen Ländern kaum Sorgen um die langfristige Nachhaltigkeit der
Finanzen.
Dennoch könne man davon lernen, betonte Barbara Nestor,
Osteuropa-Expertin bei der Commerzbank in London. "In diesen Ländern
wurde durch sehr entschlossene Massnahmen in relativ kurzer Zeit das
Blatt gewendet - und heute, nur knapp drei Jahre später, sind sie
über den Berg", so Nestor. "Eine so schnelle Besserung hätte man
2009 noch nicht erwartet, damals waren die Finanzmärkte sehr
pessimistisch, was beispielsweise die Ukraine angeht." Doch selbst
dort, in einem Land mit grosser politischer Instabilität und
Korruptionsproblemen habe man es geschafft.
Sogar eine Rentenreform wurde dort erfolgreich angestossen, mit
positiven Effekten für den Staatshaushalt. "Das macht Mut für Länder
wie Griechenland, wo das Umfeld verglichen damit doch deutlich
besser ist", sagte Nestor.
Das Gleiche gilt für Ungarn, das einen unorthodoxen Weg gegangen
ist. Zur populistischen Politik von Ministerpräsident Victor Orban
zählten Steuern auf Banken und andere Unternehmen und eine
Verstaatlichung von Pensionsfonds, was statistisch zu einer Erhöhung
der Staatseinnahmen führte. "Damit verprellt Orban zwar die
Finanzmärkte, was gefährlich werden könnte", sagte Martin Marinov,
Experte bei Raiffeisen Capital Management. "Kurzfristig aber
verschafft es Ungarn Luft."
Begeistert sind die Ökonomen von den Balten. Lettland sei ein
Musterbeispiel dafür, wie sich mittels rigoroser Fiskalpolitik
zusammen mit strukturellen Reformen Wachstum und Finanzstabilität
wiederherstellen lassen, sagte Anders Aslund, Osteuropa-Experte vom
Peterson Institute for International Economics in Washington.
Lettland habe innerhalb von zwei Jahren das Ruder herumgerissen,
auch dank eines Hilfspakets von EU-Kommission, Internationalem
Währungsfonds und bilateralen Geldgebern.
Dabei konnte Lettland nicht wie Ungarn oder die Ukraine auf eine
freie Wechselkurspolitik zurückgreifen, da das Land seine Währung an
den Euro gebunden hat. "Für die aktuelle Eurokrise kann man daraus
lernen, dass man nicht unbedingt eine autonome Währung haben muss,
um aus einer solchen Situation wieder herauszukommen", sagte Nestor.
Lettland stand damals kurz davor, die Euro-Bindung aufzugeben. Denn
eine Abwertung der Währung ist ein gängiger Weg, um aus einer
Schuldenkrise herauszukommen. "Dass es nicht passiert ist, dürfte
nun die Grundlagen für eine langfristige Erholung verbessern", sagte
Marinov. "Eine Abwertung wäre sogar schädlich gewesen", glaubt
Aslund. Ausser wenigen Superreichen hätte eine Abwertung der Währung
kaum jemandem etwas gebracht. Stattdessen hat die Politik der
internen Abwertung über Gehalts- und Leistungskürzungen kombiniert
mit garantierten Mindestleistungen für die Ärmsten Früchte getragen.
"Lettland hat exakt das getan, was auch Griechenland tun sollte",
sagte Nestor.
Quelle: FTD