24. Juli 2011 - 16:02
Osteuropa kämpft mit seinen Franken-Hypotheken
Von Matthew Allen, swissinfo.ch
Das Schicksal
von osteuropäischen Hausbesitzern, die ihre in Schweizer Franken
abgeschlossenen Hypotheken kaum mehr zurückzahlen können, hat einige
Regierungen dazu veranlasst, Notmassnahmen zu ergreifen. Auch Banken
und Gemeinden zittern.
Hypotheken in Schweizer Franken waren in Ländern wie Ungarn,
Polen, Tschechien, Rumänien und Kroatien vor der Wirtschaftskrise
2008 gang und gäbe. Die Stabilität des Frankens und die tiefen
Zinsen in der Schweiz machten die Währung attraktiv.
Viele Leute waren sich nicht bewusst, dass sie sich damit auf ein
gefährliches Spiel einliessen. Denn als der Franken gegenüber ihren
eigenen Währungen immer mehr zulegte, sahen sie sich mit immer
höheren Zinszahlungen konfrontiert. In einigen Fällen mussten sie
sogar mit ansehen, wie ihre Kredite den Wert ihrer Häuser
überstiegen.
Zur Zeit der Wirtschaftskrise waren in Ungarn fast zwei Drittel
aller Hypotheken in Schweizer Franken aufgenommen worden. In Polen
waren es die Hälfte, in anderen osteuropäischen und baltischen
Ländern war der Anteil ähnlich hoch.
"Falsche Anreize"
Um die steigende Anzahl von Hausenteignungen abzubremsen, verbot
die neu gewählte ungarische Regierung den Banken im ersten Quartal
dieses Jahres eine Zwangsvollstreckung für die meisten Hypotheken.
Während im Sommer 2008 ein Franken 160 Forint wert war, gibt es
heute bereits 230 Forint dafür. Um den sozialen Abstieg zu
verhindern, hat die ungarische Regierung daher einen künstlichen
Wechselkurs von 1 Franken zu 180 Forint gesetzt, damit Hausbesitzer
ihre Hypotheken in Forint umwandeln können, ohne in Konkurs gehen zu
müssen.
Doch der Deal hat auch seine Tücken: Wer heute davon profitiert,
muss ab 2015 den Unterschied selber berappen.
"Das ist eine bessere Option, als die Banken davon abzuhalten,
Hypotheken für verfallen zu erklären", sagt György Barcza,
Chefökonom der ungarischen Bank K&H, gegenüber swissinfo.ch.
"Das hatte ein Verhalten auf falsche Anreize geschaffen, weil die
Leute einfach ihre Rückzahlungen abgebrochen haben, dachten sie
doch, die Regierung würde sie retten. Indem man den Leuten nun einen
künstlichen Wechselkurs anbietet, schadet man den Banken weniger.
Doch man schiebt die Probleme auch nur für ein paar Jahre hinaus."
Arbeitslos
Barcza hofft immer noch, dass die ungarische Wirtschaft bis dann
wieder an Schwung gewonnen hat und dies die gegenwärtige
Arbeitslosenrate von 11 Prozent senken wird.
"Die Leute wollen ihre Hypotheken zurückzahlen. Aber wenn jemand
arbeitslos wird und ohne Einkommen dasteht, hat er keine andere
Wahl", so Barcza. "Es sieht heute etwas stabiler aus als noch vor
einem Jahr, aber es kann immer noch zu verspäteten Problemen
kommen."
Ungarn kann seine Zinsen nicht unter die derzeitigen 6 Prozent
senken, denn das meiste ungarische Geld wird von ausländischen
Investoren gehalten. Würden die Zinsen fallen, wären diese praktisch
zum Verkauf gezwungen, was den Forint fast sicher noch mehr
schwächen würde.
Viele Länder haben den Abschluss von Anleihen in Fremdwährungen
entweder verboten oder eingeschränkt. Der massenhafte Wechsel von
Franken in Lokalwährungen oder Euros hat ironischerweise dem
steigenden Franken noch mehr Schub verliehen.
"Die Leute müssen in Schweizer Franken zahlen, wenn sie ihre
Schulden in dieser Währung loswerden wollen", sagte Währungsexpertin
Ursina Kubli von der Bank Sarasin. "Das erhöht die Nachfrage nach
Franken von Kunden aus Übersee und setzt die Währung zusätzlich
unter Druck."
Städte unter Schuldenlast
Das Ausnützen von Zinsunterschieden in verschiedenen Währungen
wurde hauptsächlich ermöglicht durch Banken in der Schweiz, in
Deutschland, Italien und nordischen Ländern – und besonders in
Österreich, das Ungarn historisch wie geografisch sehr nah ist.
Aber nicht nur österreichische Banken leiden unter dem Anstieg des
Schweizer Frankens: Auch Gemeinden haben damit gerechnet, ihre
Finanzen mit Anleihen in Franken zu verbessern, als das Zinsniveau
tief und die Währung stabil war.
So droht etwa der Stadt Payerbach laut dem Tages-Anzeiger ein
Defizit von bis zu 50 Mio. Euro (58,6 Mio. Fr.), wenn sie es nicht
schafft, ihre Franken-Anleihen loszuwerden. "Da wäre es ja besser
gewesen, die Gemeinde hätte ihr Geld ins Casino getragen", sagte ein
Payerbacher Gemeinderat gegenüber der Zeitung. "Da hätte man
wenigstens das Risiko gekannt."
Ein Wiener Anwalt hat nun den Auftrag erhalten, für die Gemeinde
Payerbach und 13 weitere Gemeinden mit den Banken zu verhandeln.
Matthew Allen, swissinfo.ch
(Übertragen aus dem Englischen: Christian Raaflaub)