Budapest sieht sich im Kampf gegen ein
„Banken-Kartell“
17.10.2011 BUDAPEST (owr/gtai)--Ungarns Regierung hat
vorübergehende Änderungen an ihrer Flat Tax in der Einkommensteuer
vornehmen müssen, um neue Budgetlöcher zu stopfen. Grund ist, dass
für das nächste Jahr nur noch ein Wirtschaftswachstum von gut 0,5%
erwartet wird. Es kommt zudem zu staatlichen Eingriffen in private
Bankgeschäfte. Das neue „Budgetpaket“
der Regierung für nächstes Jahr sieht eine Anhebung der
Mehrwertsteuer auf 27% vor - mit ungünstigen Folgen für den Konsum
und die Ertragslage der Firmen.
Die Investitionen nehmen weiter ab. Das Potenzialwachstum habe sich
in Ungarn in den vergangenen beiden Jahren annähernd halbiert,
rechnen Ungarns Wirtschaftsexperten vor. Die Zentralbank erwartet
für dieses Jahr einen Rückgang der Bruttoanlageinvestitionen um real
fast 4% - nach 5,6% im Vorjahr. Die seit Frühjahr vergangenen Jahres
amtierende Regierung sieht inzwischen selbst kaum noch
Handlungsspielraum und greift zu immer neuen staatlichen Eingriffen.
Dabei sieht sie sich nach eigenen Angaben einen „Kampf
gegen ein Banken- Kartell“ führen. Bis
Ende des Jahres werden die Banken zu einer teilweisen Übernahme von
Wechselkursverlusten gezwungen, die privaten Kreditnehmern
entstanden sind, die Fremdwährungskredite für den Immobilienerwerb
aufgenommen haben. Diese zeitlich begrenzte Neuerung ermöglicht den
betroffenen Privathaushalten eine vorzeitige Tilgung
hypothekarischer Fremdwährungskredite zu einem staatlich
festgelegten Wechselkurs, vor allem für Euro und Schweizer Franken.
Die vorzeitige Tilgung muss über eine Einmalzahlung erfolgen. Die
festgelegten fiktiven Wechselkurse weichen stark von den aktuellen
Marktkursen ab und sind für die Schuldner in der Regel äußerst
günstig.
Die Wechselkursdifferenzen werden per Gesetz den Banken aufgebürdet,
die deshalb das ungarische Verfassungsgericht angerufen haben. Sie
setzen auch auf ein Einschreiten der EU, da es sich ihrer Ansicht
nach um unzulässige Eingriffe in privatrechtliche Verträge handele.
Die Rechtssicherheit für Investoren in Ungarn werde durch die
Maßnahme keinesfalls gestärkt. Die Ratingagentur Fitch erkennt für
Ungarn potenzielle Risiken in Form eines schwindenden Vertrauens
ausländischer Investoren. Zur Rechtslage bei der Neuregelung für
Fremdwährungskredite und Wechselkursdifferenzen gehen selbst
ungarische Regierungsstellen davon aus, dass dieser teilweise
Schuldenerlass vor dem Europäischen Gerichtshof keinen Bestand haben
dürfte. Bis zu einer Entscheidung würde es aber Jahre dauern, und
dann werde der Staat einspringen, heißt es weiter.
Den Betroffenen sei aber dauerhaft geholfen. Es dürfte sich meist um
Privathaushalte mit deutlich überdurchschnittlichen Einkommen
handeln. Die am stärksten betroffenen Haushalte würden so nicht
entlastet, stellen Bankanalysten heraus. Somit blieben die
schlechtesten Schuldner den Banken erhalten, was die Kreditinstitute
zusätzlich belasten werde. Zu erwarten sei, dass die Banken ihre
Kreditvergabe in Ungarn weiter einschränken.
Die Vergabe verharrt schon längere Zeit auf einem niedrigen Niveau,
was zur Verschlechterung der Wachstumsaussichten beigetragen hat.
Nach Zentralbankprognosen wird der Privatkonsum im Wirtschaftsjahr
2011/12 stagnieren.
Ungünstig
auf die Binnennachfrage werde sich die Anhebung der Mehrwertsteuer
auf den EU-weiten Rekordsatz von 27% auswirken. Hierzu soll es
Anfang nächsten
Jahres kommen. Der Regelsatz lag zuletzt bei 25%. Zudem wird schon
Anfang November eine Reihe anderer Verbrauchsteuern angehoben -
unter anderem auf Getränke,
Dieseltreibstoff, Tabakwaren sowie Glücksspiele.
Auch ein Ausgabestopp für
öffentliche
Beschaffungen wurde verfügt
und das Straßenbauprogramm
für
nächstes
Jahr gekürzt.
Ferner wird die bereits hohe Pkw-Registrierungsabgabe erhöht.
Die Steuer auf Firmenwagen soll ebenfalls deutlich erhöht
werden. Die Möglichkeiten
für
einen Verlustvortrag sowie für
Verlustabschreibungen durch Unternehmen werden eingeschränkt,
was das Investitionsklima zusätzlich
verschlechtern könnte,
so die Zentralbank.
Folgen des ungarischen Budgetpakets für
die Gesamtwirtschaft 2012
(reale Veränderung
gegenüber
dem Vorjahr)
ohne neue Maßnahmen
einschließlich
neuer Maßnahmen
| BIP |
+1,5% +1,0% |
|
Privatkonsum
|
+0,6% -0,1% |
| Bruttoanlageinvestitionen |
+1,6% +0,8% |
| Export* |
+8,5% +8,5% |
| Import* |
+7,7% +7,1% |
| Löhne im
Privatsektor** |
+4,5% +6,2% |
| Verbraucherpreise** |
+3,0% +4,7% |
| Beschäftigung
im Privatsektor** |
+0,6% +0,1% |
| |
|
* einschließlich
Dienstleistungen;
** nominale Veränderung
Quelle: Zentralbank Budapest